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Nachhaltig zusammen leben und wirtschaften

Schloss Blumenthal: 62 Menschen wagen ein Experiment und denken Zukunft neu. Südlich von Aichach, ganz in der Nähe von Augsburg, liegt Schloss Blumenthal. Inmitten von sanften Hügeln, umgeben von Feldern und Wäldern. Die klassisch gelb-weißen Häuser, die Kirche, das Schloss mit Türmchen und die Remise bilden einen nahezu perfekten Kreis. Ein Biergarten und ein Restaurant laden zu regionalen Spezialitäten, das Hotel mit 40 individuell ausgestatteten Zimmern zu komfortabler Übernachtung. Auf den ersten Blick ist Blumenthal also ein typisch schwäbisch-bayerisches Anwesen. Aber das 1568 erbaute Schloss ist heute vor allem eines: „Ein Lernort für gelebte Zukunft“.

Gastbeitrag von Cynthia Matuszewski, Chefredaktion Lifeguide Augsburg

In Schloss Blumenthal haben sich acht Familien vor rund 12 Jahren niedergelassen, um gemeinsam so zu leben, wie es ihren Vorstellungen entspricht. Der nachhaltige Umgang mit Mensch und Natur steht dabei im Mittelpunkt. Außerdem die gute Kommunikation untereinander und Arbeit, mit der jede/r sich identifizieren kann.

Ihre gemeinsamen Unternehmen, wie Hotel, Biergarten, Solidarische Landwirtschaft oder Seminare und Veranstaltungen werden nicht hierarchisch organisiert und funktionieren wie ein selbstführender Organismus. In 2020 wollen sie Schloss Blumenthal Gemeinwohl-zertifizieren lassen, seit 2014 betreiben sie eine Solidarische Landwirtschaft, sie renovieren die älteren Häuser mit ökologischen Materialien, teilen Autos im Carsharing-System und Kleider, Bücher und Medien im Sharing-Room. Die Blumenthaler leben in vielerlei Hinsicht nachhaltig und umweltfreundlich und sehen in ihrem Zusammenleben ein „zukunftsweisendes und mutig gelebtes Experiment in praktischer Umsetzung“. Heute leben 42 Erwachsene und 20 Kinder in der Schlossanlage. Darunter GärtnerInnen, MusikerInnen, LehrerInnen, ArchitektInnen, DesignerInnen, LandwirtInnen und viele Selbstständige. Betrachtet man die hochaktuelle Website, die Professionalität im Hotel- und Gaststättenbereich und die Schnelligkeit der Kommunikation, so ist das Experiment im 21. Jahrhundert angekommen.

Gemeinsam Wirtschaften

Aber wie ist das gelungen? Zunächst einmal agierten die Blumenthaler sehr pragmatisch und haben sich für ihre Idee eine solide wirtschaftliche Basis geschaffen. 2006 legten die acht Familien ihr Geld zusammen und brachten gemeinsam die nötigen 50 Prozent Eigenkapital für den Kauf des Blumenthaler Anwesens auf. Ihr Kreditgeber, die GLS-Bank, machte zur Voraussetzung, dass von Anfang an Schulungen für Kommunikation und Konfliktlösung durchgeführt wurden. Fortbildungen gehören auch heute noch zum gemeinsamen Freizeitprogramm – von ökologischem Bauen bis hin zum Tangotanzen ist alles möglich. Einmal im Jahr organisieren die Blumenthaler mit Initiativen aus der Umgebung das Forum Zukunft, in dem neue Wege des Zusammenlebens diskutiert und erarbeitet werden.

Gemeinsam Wohnen

Im Alltag treffen sich alle Blumenthaler jeden Mittwoch und besprechen Sachthemen, wie Mietverwaltung, Elterngruppen oder neue Ideen und Pläne. Einmal im Monat wird über Privates gesprochen und alle sechs Wochen ist Mittwochs-Plenum, bei dem über Belange der Gemeinschaft abgestimmt wird.

„Das gemeinsame Leben hier ist viel intensiver, als in einer normalen Nachbarschaft. Denn meine Nachbarn hier sind auch meine Freunde und ich sehe sie regelmäßig“, berichtet Martin Horack. Er ist im Leitungsteam des Hotels. Außerdem arbeitet er als freiberuflicher Trainer auch oft außerhalb von Blumenthal. 2007 ist er mit seiner Frau nach Blumenthal gezogen, vor allem, weil „der Mensch ein soziales Wesen“ ist.

Für die Realschullehrerin Kathrin Schaefer, ihren Mann Mario und ihre drei Kinder waren gleich mehrere Gründe ausschlaggebend, um nach Blumenthal zu ziehen. „Unsere Kinder wachsen in einem Umfeld auf, wo sie auch andere Erwachsene als Bezugspersonen und Rollenvorbilder haben“, berichtet Kathrin. „Und: Wir suchten einen Bauernhof – Blumenthal suchte Landwirte“, ergänzt Mario Schaefer. Er hat Waldwirtschaft studiert und erarbeitet derzeit das Konzept für eine Käserei mit Hofladen. Und natürlich arbeitet er in der Solidarische Landwirtschaft Blumenthal, kurz SoLaWi.

Landwirtschaft gemeinsam planen

Das Prinzip ist einfach: In einer solidarischen Landwirtschaft zahlen die TeilnehmerInnen den Bauern das gesamte Jahr über jeden Monat einen festen Betrag. Damit ist für den Landwirt die Finanzierung seines Erntejahres gesichert. Als Gegenleistung wird die Ernte unter den Mitgliedern geteilt. In Blumenthal werden auf 1,5 Hektar 50 verschiedene Gemüsesorten angebaut, sowohl auf der Freifläche, als auch im Gewächshaus. Das heißt, alle SoLaWi-TeilnehmerInnen haben das ganze Jahr über regionales, saisonales Bio-Gemüse. Unverpackt und ohne große Transportwege kann es wöchentlich an sechs verschiedenen Verteilerstellen abgeholt werden. Wer jetzt Lust auf frisches Gemüse bekommen hat, kann dieses Angebot einen Monat lang ausprobieren – für 55 Euro.

Hotel und Gastronomie: Führung ohne hierarchische Strukturen?

Natürlich profitieren auch das Restaurant und der Biergarten auf Schloss Blumenthal von dem reichhaltigen Angebot der SoLaWi. Die Gaststätte kocht fast ausschließlich mit frischen Zutaten und in biologischer Qualität.

„Wir haben bei der Hotelführung keine rein hierarchischen Strukturen“, berichtet Martin Horack. Einmal im Jahr wird eine Jahresplanung festgelegt. Aktuelle Entscheidungen treffen Küche, Rezeption oder Housekeeping eigenständig, ohne Abstimmung mit allen Blumenthalern. Nach einem Jahr wird geprüft, wie das funktioniert hat. „Das hat den Vorteil, dass wir keine lähmenden basisdemokratischen Entscheidungen fällen“, sagt Horack. Und dass die Zufriedenheit der selbstbestimmt arbeitenden MitarbeiterInnen besonders groß ist. Ein Blick in das Angebot von Schloss Blumenthal zeigt, wie erfolgreich das Konzept ist. Der Terminkalender ist gut gefüllt mit Hochzeiten, Seminaren, Musik, Lesungen oder anderen Events. Demnächst wollen die Blumenthaler ein eigenes Kursprogramm auf die Beine stellen.

Die 40 Zimmer des Hotels haben übrigens Blumenthaler InnenarchitektInnen, DesignerInnen oder KünstlerInnen ausgestattet. Sie tragen Namen wie Baumhöhle, Orientexpress oder Rendezvous mit einem Globetrotter. Jeder Raum ist ein Unikat und gleichzeitig ein Zeichen für die gelungene Zusammenarbeit der Blumenthaler untereinander.

Probewohnen: Die Bewohner lernen sich kennen

Wer Interesse hat, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, sollte sich Zeit nehmen, Blumenthal und seine BewohnerInnen kennenzulernen. Denn der Einstieg in eine Gemeinschaft ist eine weitreichende Entscheidung. Vom ersten Infotag über das Probewohnen bis hin zur Entscheidung wird etwa ein Jahr veranschlagt. Für Martin Horack hat sich das Prozedere gelohnt: „In Blumenthal stimmt das Verhältnis von ökologischem Fußabdruck und persönlicher Zufriedenheit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Form des Lebens und des lebenslangen Lernens für mich sehr intensiv, reich und erfüllend ist.“

 

Bildquellen

  • Blumenthal_Bewohner_800x600: Schloss Blumenthal

3 Tipps zum Nachmachen:

  • Betrachten Sie Ihr Unternehmen als einen lebendigen Organismus und damit als Teil eines lebendigen Netzwerkes. Daraus ergibt sich eine neue werteorientierte, ethische Form des Wirtschaftens.
  • Werden Sie Teil einer solidarischen Landwirtschaft für ihre Betriebskantine oder mit den Mitarbeitenden.
  • Seien Sie großzügiger, denn Großzügigkeit wird belohnt, so entsteht Verbundenheit und Sicherheit.

Martin Horack

Geschäftsführer
Schloss Blumenthal GmbH & Co. KG
Blumenthal 1
86551 Aichach
Tel 08251 - 8904-116

Cynthia Matuszewski

Redaktionsleitung
Lifeguide Augsburg
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Faire Arbeitsbedingungen, Gastronomie, Gemeinwohl-Ökonomie, Gesellschaft, Landwirtschaft, Lifeguide Augsburg, Ökologisch Wirtschaften, Solidarische Landwirtschaft