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Arbeit in einer nachhaltigen Gesellschaft

Ein besseres Leben für alle: Wie neue Definitionen von Arbeit dazu beitragen können und welche Rolle dabei die Digitalisierung spielt, erklärt Prof. Dr. Harald Welzer, der Keynote-Speaker auf dem Nachhaltigkeitstag Wirtschaft A³ in 2018, in seinem Gastbeitrag.

Zunächst: Im Titel dieses kleinen Essays verbirgt sich ein grundsätzliches Problem, denn eine nachhaltige moderne Gesellschaft gibt es nicht. Sie ist eine Utopie. Zwar haben wir Gesellschaften auf dieser Erde, in denen der ökologische Rucksack der Menschen das Etikett „nachhaltig“ verdient, aber das sind sehr arme Gesellschaften, die hinsichtlich der Lebenssicherheit und des Lebensstandards skandalös schlecht abschneiden. Wo umgekehrt diese beiden zivilisatorischen Güter reichlich vorhanden sind, also in den USA, in der Schweiz, in Deutschland usw., verbrauchen die Menschen fünf- bis zehnmal so viel an Umwelt wie in den armen Gesellschaften. Bislang gibt es keine Gesellschaft auf der Welt, die moderne Staatlichkeit mit Gütern wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Sozialstaat zugleich mit ökologischer Nachhaltigkeit realisiert. Ich würde sagen: Es ist die Aufgabe des 21. Jahrhunderts, den zivilisatorischen Standard der Moderne auf ein anderes, nachhaltiges Naturverhältnis zu bauen, und es ist höchste Zeit, dass diese Aufgabe angegangen wird.

Eine zentrale Rolle kann dabei ein neues Verständnis von Arbeit spielen. Die heutige Wert- und Hochschätzung sogar der entfremdeten Arbeit ist historisch jung, nämlich ein Produkt der Industrialisierung. In vormodernen Gesellschaften wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, dass Arbeiten ein Wert an sich sei. Arbeit war Fron, Plackerei, Schinderei, in jedem Fall etwas nach Möglichkeit zu Vermeidendes. Erst mit der zunehmenden Industrialisierung und dem Entstehen einer Arbeiterklasse bekommt Arbeit diese merkwürdigen protestantischen Weihen, die ein Leben ohne Arbeit für viele als furchterregend erscheinen lassen.

Aber: sprechen wir dabei eigentlich über Arbeit allgemein oder nur über Erwerbsarbeit? Auch und besonders in modernen Gesellschaften wird ja unendlich viel jenseits des Arbeitsmarkts gearbeitet: von der unbezahlten Sorgearbeit bis hin zur von IKEA erfundenen Eigenarbeit von Verbrauchern, die ihre Produkte erst noch selbst zusammenschrauben müssen. Wo Sie hinschauen, ob beim Buchen einer Flugreise oder Einrichten eines Laptops, wird heute ein hohes Maß an Eigenarbeit geleistet, die sich jenseits der Konsumsphäre gesellschaftlich auch ganz anders nutzen ließe.

Hinzu kommt, dass die Digitalisierung dafür sorgen wird, dass schwere, schmutzige, gesundheitsschädliche, verschleißende und zermürbende Arbeiten mehr und mehr verschwinden können. Wenn Roboter die Wände eines Hauses hochmauern, Mineralien aus der Mine hauen, Kisten schleppen und Keimlinge setzen, dann kann man das, was traditionell als „harte“, als „Knochenarbeit“ galt, in das Archiv jener menschlichen Tätigkeiten sortieren, die es in Zukunft nicht mehr geben muss.

Dazu werden peu à peu alle jene ehemals geistig genannten Tätigkeiten verschwinden, die standardisiert werden können – vom Zusammenstellen von Gerichtsurteilen über die medizinische Diagnostik bis hin zum Schreiben von Kriminalromanen und Sportreportagen. In allen genannten Bereichen wird künftig menschliche Arbeit jedenfalls in weit geringerem Ausmaß erforderlich sein, als es heute noch der Fall ist und als es traditionell der Fall war. Egal, ob dieses Ausmaß auf die Hälfte oder auf ein Viertel der heute vorhandenen Jobs taxiert wird und egal, wie viel davon durch neue Tätigkeiten kompensiert wird: Wir stehen vor einem tiefgreifenden Strukturwandel des Arbeitssystems, der – negativ betrachtet – Arbeitsplatzverluste mit sich bringen und Arbeitslosenquoten erhöhen wird, der aber – positiv gewendet – eine längst überfällige Neubewertung von Arbeit ermöglichen kann. Was soll denn schlecht daran sein, wenn schmutzige, stumpfsinnige und gesundheitsschädliche Arbeit Geschichte wird? Und was ist schlecht daran, wenn vieles, was bislang extern eingekauft werden musste, durch Eigenarbeit organisiert werden kann? Das gesellschaftspolitische Äquivalent zum uber-Kapitalismus sind Fahrgemeinschaft und car-sharing, und die Postwachstumsökonomen schwärmen von einer Renaissance des Tauschens von Arbeitswert: Ich streiche Dir das Wohnzimmer, Du spielst mir Linux auf meinen Laptop.

Solche Perspektiven sind ganz wunderbar, denn möglicherweise wird mit ihnen auch jene Hochpreisung von Arbeit als Quelle von Sinnstiftung und Identität, von sozialem Status und von Einkommen, am Ende nur eine historisch überlebte Episode gewesen sein, die mit der industriellen Revolution in die Welt gekommen ist und die Menschen zweihundert Jahre, also evolutionär sehr vorübergehend, verwirrt hat.

Denn wenn die Arbeit mit Hilfe gesellschaftlich vernünftig eingesetzter digitaler Sklaven immer weniger wird, kann der verbleibende Rest neu organisiert werden: Wenn die Arbeitszeit heftig reduziert wird, was ja künftig ohne weiteres möglich ist, dann können neue Organisationsmodelle für Erwerbsarbeit und gemeinwohlorientierter Tätigkeit gedacht werden, etwa, dass ein Teil der Ausbildungs- und Arbeitszeit gleich für solidarische Tätigkeiten reserviert wird. Wenn mehr Möglichkeiten zur Eigenarbeit offenstehen, bedeutet dies zugleich eine Rückverlagerung der Produktion in den lokalen und regionalen Bereich. Im Ergebnis bedeutet das nicht nur eine bessere Basis für sozialen Zusammenhalt, sondern auch einen ökologischen Vorteil, weil Umweltkosten für Mobilität, Transport usw. sich deutlich reduzieren.

Vor allem aber: Wenn Menschen nicht mehr im selben Zeitumfang wie heute entfremdet arbeiten und den damit verbundenen Druck und Stress durch immer mehr Konsum kompensieren müssen, kann die Bewegungsrichtung der Konsumgesellschaft umgekehrt werden: Nicht „immer mehr“ ist dann das (in sich sinnfreie) Ziel, sondern nur soviel, wie es zum guten Leben braucht. Man nimmt Druck aus dem System, verändert Wertigkeiten und bekommt den Kopf frei, sich um andere Dinge zu kümmern. Und das ist vielleicht das Wichtigste: Wenn weniger gearbeitet wird, erlaubt das nicht nur jenes niedrigere Stoffwechselniveau, das eine nachhaltige Gesellschaft voraussetzt, sondern es erlaubt auch einen Perspektivenwechsel vom Katastrophismus zur proaktiven Verbesserung des Lebens.

Während heute die Motivation für Veränderung ausschließlich negativ begründet wird – von Wettbewerb, Globalisierung und Konkurrenz bis zum Klimawandel, Arten- und Gletschersterben – könnten wir ja endlich mal wieder beginnen, unsere Aktivität darauf zu richten, das Leben und die zugehörige Welt aus freien Stücken besser und nachhaltiger zu machen – weil nämlich das ein zivilisatorischer Wert an sich ist. „Was käme heraus,“ fragt in diesem Sinn der Journalist Claudius Seidl, „wenn wir mit größerem Aufwand daran arbeiten würden, uns ein besseres Leben vorzustellen? Wie wäre es, wenn wir an Zukunftsvisionen nicht deshalb arbeiteten, weil wir den Wald oder den Thunfisch oder das Klima retten wollen. Und auch nicht, weil wir uns verteidigen müssen gegen die Macht der großen Daten. Sondern weil wir uns ein besseres Leben als das, was wir führen, allemal vorstellen und mit aller Kraft anstreben können.“

Bildquellen

  • Prof. Dr. Harald Welzer auf dem Nachhaltigkeitstag (7)800×600: Regio Augsburg Wirtschaft GmbH

Prof. Dr. Harald Welzer

Vorstand
FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit
Lehrter Straße 57 , Haus 6 , EG (Hofseite)
10557 Berlin
Tel +49 (0)30 - 397 177 07

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Faire Arbeitsbedingungen, Gemeinwohl, Gesellschaft, Nachhaltige Produktion, Neue Arbeit